Energiewende für Nordhessen ist möglich

17.06.2011

Fraunhofer IWES und Stadtwerke Union Nordhessen stellen Szenario für den Umstieg auf dezentrale und erneuerbare Energieversorgung vor

Biogasanlage Homberg

Kassel 16. Juni 2011. Die nördlichste hessische Region lässt sich vergleichsweise einfach in Zahlen ausdrücken:

    

  • drei Landkreise,
  • eine kreisfreie Großstadt,
  • 4.000 Quadratkilometer Fläche und
  • 730.000 Einwohner.

 

Ähnlich einfach lässt sich der Status quo zum Stromverbrauch beschreiben:

    

  • jährlich 3,6 Terrawattstunden (TWh) Stromverbrauch und damit verbundene
  • Kosten von mehr als 500 Millionen Euro.

 

Präsentationen zum nachfolgenden Artikel:

    

- Konzept für eine 100 % regenerative Energieversorgung in 2050 (Fraunhofer Institut)

 

Die Stadtwerke Union Nordhessen (SUN) will gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) zeigen, wie sich die Region komplett mit Strom aus regionalen und erneuerbaren Quellen versorgen kann.

 

Die Umstellung der Energieversorgung in Nordhessen auf erneuerbare und dezentrale Quellen ist möglich. Das ist die gemeinsame Vision der Stadtwerke Union Nordhessen (SUN) und des Fraunhofer IWES, Kassel.

 

Der Ausbau erneuerbarer Energien in der Region ist das erklärte Ziel der sechs Stadtwerke Union-Partner aus Bad Sooden-Allendorf, Eschwege, Homberg, Kassel, Wolfhagen und Witzenhausen.

 

Die Kooperation der SUN-Stadtwerke mit dem Fraunhofer IWES soll zeigen, dass der Atomausstieg und die Transformation des Systems hin zu erneuerbaren Energien wesentlich schneller möglich sind, wenn eine Region an einem Strang zieht.

 

„Wir freuen uns, dass die von uns erstellten energiewirtschaftlichen Szenarien zum Umstieg auf erneuerbare Quellen nun gemeinsam mit der SUN ganz konkret für Nordhessen entwickelt werden sollen“, so Prof. Dr. Jürgen Schmid, Leiter des Fraunhofer IWES in Kassel.

 

„Die Kombination aus der exzellenten wissenschaftlichen Kompetenz des Fraunhofer IWES und unseren Möglichkeiten energie-wirtschaftliche Visionen in die Praxis umzusetzen, bietet eine einmalige Chance für die gesamte Region“, betont SUN-Geschäftsführer Martin Rühl.

 

In einer ersten gemeinsamen Analyse haben die Kooperationspartner ermittelt, wie ein langfristiges Szenario aussehen könnte.

 

Das Ergebnis: Die Umstellung auf Erneuerbare ist machbar. Kern des Konzepts sind die Bestandsaufnahme und die anschließende konsequente Entwicklung der in Nordhessen vorhandenen Potenziale für Wind, Photovoltaik, Biomasse und Wasserkraft. „Schwerpunkt wird hierbei die Windenergie sein.

 

Alle bisher vorgelegten Szenarien für einen Umsstieg auf erneuerbare Energien in Deutschland gehen davon aus, dass die Leistung zu 60 bis 70 Prozent von Windkraftanlagen kommen muss“, so Dr. Thorsten Ebert, Vorstandsmitglied der Städtische Werke AG in Kassel und dort zuständig für erneuerbare Energien.

 

Außerdem haben die bisher vorliegenden Studien gezeigt, dass Nordhessen hier erheblichen Nachholbedarf hat.

 

Die ersten gemeinsamen Berechnungen von SUN und Fraunhofer IWES zeigen, dass bereits in zirka 15 Jahren die Versorgung der Region zu 70 bis 80 Prozent aus erneuerbaren und dezentra-len Quellen möglich ist.

 

Da anzunehmen ist, dass die Leistungsfähigkeit der Windkraftanlagen in den nächsten Jahren deutlich zunimmt, wären dafür etwa 250 Rotoren notwendig. ´

 

Für diese neuen Windkraftanlagen seien 45 Quadratkilometer als Vorrangfläche auszuweisen. Das entspricht knapp 1,2 Prozent Nordhessens und liegt damit in etwa in der Größenordnung, die derzeit im Zusammenhang mit der Neuaufstellung des Regionalplans diskutiert wird.

 

Ein weiterer zentraler Baustein ist die Absicherung durch Ausgleichs- und Regelenergieleistung. Hierfür könnte ein großes Gaskraftwerk geeignet sein. Dieses würde immer dann einspeisen, wenn aus Windkraft, Photovoltaik und den anderen Quellen nicht genügend Strom zur Verfügung steht.

 

Aber auch andere Szenarien sollen untersucht werden, wie etwa die Potenziale der vom Fraunhofer IWES entwickelten Instrumentarien für die so genannte Grundlastfähigkeit erneuerbarer Energien oder der Stromaustausch zwischen Regionen mit unterschiedlichem Angebot regenerativen Quellen.

 

Der große Vorteil von Gaskraftwerken ist, dass sie technisch ausgereift sind und am Markt zur Verfügung stehen, schnell an- und abfahren können, also sehr kurzfristig Strom zur Verfügung stellen.

 

Weiterer Vorteil der Erdgaskraftwerke ist, dass sie einen flexiblen Aus-gleich und Austausch mit der Produktion benachbarter Regionen ermöglichen.

 

Ein hochinteressanter Zusatzeffekt ist, dass das angestrebte dezentrale Versorgungskonzept den Bedarf am heftig diskutierten Ausbau des Höchstspannungsnetzes reduziere.

 

Würden alle Regionen in Deutschland vergleichbare Konzepte entwickeln, würde der Ausbau des Höchstspan-nungsnetzes um die derzeit diskutierten 3.500 km deutlich geringer ausfallen können.

 

Zwei Kernargumente sprechen bisher tendenziell gegen die Windkraft: mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz und geringe Volllaststunden im Jahr – absehbar ist dagegen bereits heute, das sich Windkraftstrom in wenigen Jahren wirtschaftlich mit der konventionellen Produktion messen kann.

 

Mit moderner Windkrafttechnik, also höheren Nabenhöhen und größeren Rotordurchmessern, lässt sich das Problem geringer Nutzungszeiten spürbar reduzieren.

 

Höhere Akzeptanz erhofft sich die SUN vor allem durch Bürger-Beteiligungsmodelle und durch eine steigende Einsicht in die Notwendigkeit des Ausbaus der Erneuerbaren gerade nach der Atomkatastrophe in Japan.

 

Auch die Entwicklung von neuen Modellen für eine Bürger-Beteiligung wird Bestandteil der gemeinsamen Studie sein. Die Bürger der Region sollen mitdiskutieren und auch die Möglichkeit erhalten, sich unmittelbar an den Anlagen finanziell zu beteiligen.

 

Die Region und ihre Bewohner könnten erheblich von einer stärkeren Autarkie profitieren.

 

Von den derzeit nur für die Stromproduktion und Verteilung aufgewandten 500 bis 600 Millionen Euro fließen jährlich durch externe Stromerzeugung und überregionalen -transport etwa 330 Millionen Euro aus der Region ab. Wür-de eine Produktion vor Ort realisiert, könnten rund 300 Millionen vor Ort gehalten werden.

 

Von steigender Wertschöpfung und zusätzlichen Arbeitsplätzen würden alle profitieren und Nordhessen im Wettbewerb der Regionen gestärkt.

 

Eines ist klar: Die neue regenerative und dezentrale Welt katapultiert die Energiewirtschaft in ein völlig neues Zeitalter: Eine schwankende Erzeugung, die notwendige Abschaltung von Grundlastkraftwerken oder die Regelfähigkeit vorhandener Kraftwerke stellen andere Probleme als sicher planbare Grundlastproduktion mit flexibel steuerbaren Reserve- und Regelkraftwerken.

 

Dass die Versorgung einer ganzen Region durch größtenteils regenerative Erzeugung vor Ort machbar ist, steht fest. Die Frage ist nur, wie lässt sie sich konkret umsetzen.

 

Die SUN und das Fraunhofer IWES wollen innerhalb eines Jahres ein Szenario entwickeln, welche Schritte notwendig sind. Derzeit gehen die SUN und die Wissenschaftler von einer Gesamtinvestitionshöhe von 1,2 bis 1,4 Milliarden Euro bis zum Jahr 2025 aus. Investitionen, die ohne einen solchen Umstieg auch für den Ersatz des bestehenden Systems notwendig wären.




Herzlich willkommen bei SUN - Stadtwerke Union Nordhessen